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Schöne neue Zinswelt

In der Schweiz überlegen einige Pensionskassen, die Guthaben ihrer Mitglieder, anstatt auf dem Konto in einem externen Tresor(!) zu lagern, um den Negativzinsen auf Bankeinlagen zu entgehen. Obwohl es hierzulande noch nicht ganz so weit ist, halten wir es für sinnvoll, sich mit den vielfältigen Auswirkungen und Entwicklungen dauerhaft niedriger oder gar Minus-Zinsen beizeiten ‘anzufreunden‘.

„Sie können jederzeit auschecken, aber Sie können uns niemals verlassen“, lautet die letzte Textpassage im berühmten Eagles-Lied ‘Hotel California‘. Und es könnte keine bessere Zustandsbeschreibung für das heutige Weltfinanz(un)wesen geben. Denn anstatt eine Bereinigung von Fehlallokationen und Ungleichgewichten in der globalen Gläubiger-/Schuldnerstruktur zuzulassen, wurde in den letzten Jahren klar, dass die sogenannten globalen Eliten (zumindest vorläufig) nur eines im Sinn haben: Das System in seiner völligen Schieflage solange wie irgend möglich am Leben zu erhalten, buchstäblich nach dem Motto: koste es was es wolle.

Eine völlig vermurkste Euro-Währung, deren Geburtsfehler (für jeden, der sehen wollte) klar erkennbar war, hat sich inzwischen als besonderes ‘Highlight‘ in der Kette der (geld-)politischen Fehlleistungen zu einem Milliarden verschlingenden „Schwarzen Loch“ entwickelt.

Zwischenzeitlich haben sich sämtliche bedeutenden Zentralbanken auf diesem Globus auf den gleichen (abschüssigen) Weg begeben. Es wird alles getan, das Zinsniveau dauerhaft niedrig zu halten, um hierdurch die Lasten der Vergangenheit im Griff behalten zu können und nebenbei auf ein künstliches Wirtschaftswunder (Wachstum) zu hoffen. Der Hintergrund dieser Politik ist vergleichsweise simpel: Zinsen sind für die Einen (Schuldner) Kosten und für die Anderen (Gläubiger) Einnahmen. Wenn nun also Staaten, Unternehmen und Privatleute, die als Schuldner auftreten, ihre Kosten reduzieren können und hierfür Gläubiger auf Einkünfte verzichten müssen, dann ist klar, wo die Verlierer dieser Politik zu suchen sind. Auf der Gläubigerseite. Mit der Devise ‘was geht mich das an‘ ist jedoch nicht nur der Inhaber eines (noch) verzinsten Tagesgeldes oder sonstiger Bankeinlagen auf dem Holzweg; man kann nämlich schon beim einmal-um-die-Ecke-Denken, feststellen, dass die Auswirkungen dieser Politik letztlich doch auf den eigenen Geldbeutel durchschlagen. So trifft die Niedrigzinspolitik beispielsweise:

1. Den Versicherungskunden:

Jede Versicherung, die das Geld ihrer Kunden einsammelt und zur Begleichung jedweder Schäden bereithält, verfügt i.d.R. über entsprechend (hohe) Rücklagen, die sich auch entsprechend verzinsen. Fällt dieser Zins weg, wird dies die Versicherungsgesellschaft mit höheren Prämien für ihre Kunden quittieren. Dies gilt für alle Sach- und Krankenversicherer.
Lebens-und Rentenversicherungen, die (abzüglich der Risiko-und Verwaltungskosten) das Guthaben ihrer Versicherten bis zum Renteneintritt verzinslich anlegen, stehen vor einem noch größeren Dilemma, da sie früher oder später nicht mehr in der Lage sind, die
garantierten Leistungen einzuhalten.

2. Alle Inhaber einer betrieblichen Altersversorgung:

Auch mit größtem Geschick wird es Pensionsfonds oder sonstigen Vehikeln der betrieblichen Altersversorgung nicht gelingen, aus dauerhaft niedrigen Zinsen halbwegs ordentliche Erträge zu generieren. Somit kann (früher oder später) auch hier nur durch eine Erhöhung der Beiträge bzw. Reduktion der Leistungen für einen Ausgleich gesorgt werden.

Gleiches gilt für berufsständige Versorgungswerke (Apotheker, Anwälte, Architekten, Ärzte etc.)

3. Bankkunden:

Bzgl. sämtlicher Sparbeträge, die bei der Bank geparkt oder angelegt werden sollen.

4. Mieter:

Unübersehbar ist, dass Menschen, die noch vor einigen Jahren den Kauf einer Immobilie als völlig ungeeignetes Vehikel für die eigene Vermögensbildung betrachtet haben (zuviel Aufwand, unkalkulierbare Situationen durch möglichen Mietausfall, Reparaturen usw.),  zwischenzeitlich umgeschwenkt sind und durch ihr Nachfrageverhalten die Immobilienpreise in den Ballungszentren teilweise massiv haben ansteigen lassen. Einer der wesentlichen Treiber hierfür ist die Tatsache, daß die Geldinhaber auf einen dem ‘Bankzins‘ überlegenen ‘Mietzins‘ spekulieren. Mit steigenden Immobilienpreisen gehen aber dummerweise zumeist auch steigende Mieten einher. So kann sich jeder Mieter bzgl. seiner nächsten Mieterhöhung (auch) bei einem gewissen Herrn Draghi ‘bedanken‘, der mit seiner Politik erheblichen Anteil daran hat, dass selbst im trägen Immobilienland Deutschland Bewegung in die  Preislandschaft gekommen ist.

Allein diese vier Beispiele machen klar, daß Bank-und Versicherungskunden, Mieter und Empfänger von Versorgungsleistungen gut daran tun, ihre Erwartungen und Hoffnungen den Realitäten anzupassen und nicht etwa darauf zu hoffen, dass demnächst alles wieder wie früher wird. Hierbei sollte man sich an Japan orientieren, wo seit nunmehr ca. 25 Jahren genau diese  Politik bereits gefahren wird. Die Alternative zu diesem für Geldanleger betrüblichen Zustand ist natürlich die Orientierung hin zu Sachwerten (insbesondere Aktien, Immobilien, Edelmetallen), wenngleich – erfahrene Anleger wissen dies – auch hier keine Selbstläufer erwartet werden sollten. Es kann aber schon aus grundsätzlichen Erwägungen heraus kein Fehler sein, in möglichst vielen Feldern von der Gläubiger-in eine Eigentümerfunktion uu wechseln [was mit dem Wechsel hin zu Aktien(-Fonds), Immobilien und Edelmetallen ja de facto passiert], da dies – auch juristisch – schon immer eine stabilere Position war, als die eines Gläubigers.

Damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt: Sie können jederzeit auschecken, aber Sie können das Etablissement nicht verlassen – es sei denn, Sie wandern aus (fast 15.000 kleinere und größere Inseln stehen zum Verkauf). Dies mag eine sehr ernüchternde Einsicht sein, es kann jedoch an dieser Stelle versprochen werden, dass der Weg der heutigen Enttäuschung und geringerer Erwartungen (an die Leistungserbringer), der zukünftig weitaus geistig/seelisch schonendere sein wird, als heute noch vorhandene Erwartungen sukzessive in noch schmerzlichere Enttäuschungen umwandeln zu müssen; mit anderen Worten: Mittelfristig sind unter den gegebenen finanz-und wirtschaftspolitischen Umständen keine positive(re)n Aspekte
auszumachen.

Frank Amann